Bildung trotz Schule?! Für ein ganz anderes Bildungssystem!

Folgenden Text haben wir auf der „Bildung statt Banken“-Demo am 21.03.09 in Duisburg verteilt. Ihr könnt den Flyer auch hier als PDF Datei herunterladen und verteilen.

Die steigenden Zahlen von SchwänzerInnen zeigen es und eigentlich wusste man es auch so schon: Der Besuch einer Schule ist schon längst von einem Recht zur Pflicht geworden. Dass wir keine Lust auf Schule haben, liegt nicht an unserer Faulheit oder unserer Ignoranz, sondern an den Veränderungen, die das Schulsystem im Laufe der Zeit durchgemacht hat. Bei ihrer Einführung war die Schulpflicht vor Allem ein Mittel zur Verhinderung von Kinderarbeit und damit ein Mittel zur Durchsetzung des Rechts auf Bildung. Es dauerte aber nicht lange, bis die Wirtschaft feststellte, dass es einen wesentlich
sinnvolleren Weg gibt, die menschliche Arbeitskraft zu verwerten, als sie schon im Kindesalter in Fabriken zu verheizen. Deshalb sorgten Wirtschaftsvertreter dafür, dass das Schulsystem, von Beginn an, neben der Vermittlung von Bildung ein weiteres Ziel verfolgte: die Konditionierung und Abhärtung für die Arbeitswelt und die möglichst frühe Einteilung in die passende Gesellschaftsschicht, also Selektion.

SchülerInnen werden schon im Alter von 9 Jahren in “Schubladen” gesteckt. Dabei ist die sogenannte Übergangsempfehlung der GrundschullehrerInnen in einigen Bundesländern, u.a. in NRW verbindlich, folglich ist es keine Empfehlung, sondern eine Verordnung. Entgegen dieser kann nur ein erfolgreich absolvierter drei-tägiger Probeunterricht, vor zwei fremden Lehrern plus SchulamtsvertreterIn, entscheiden. Dies bedeutet für das Kind enormen Leistungsdruck. Die subjektive Beurteilung des Leistungsstandes bis zur vierten Klasse oder drei Tage Unterricht prägen die zukünftigen Bildungs- und Berufschancen entscheidend vor. Nicht nur die persönliche Begabung des Schülers, sondern auch Herkunft und Gesellschaftsschicht spielen dabei eine Rolle. So erhalten Akademikerkinder bei gleichen Leistungen 2,5 mal so oft eine Gymnasialempfehlung als Arbeiterkinder, SchülerInnen mit Migrationshintergrund werden noch stärker benachteiligt.

In der Sekundarstufe I wird die Bildungsbenachteiligung erzeugt oder die Vorhandene verstärkt. Innerhalb der einzelnen Schularten sind spezifische Lernmilieus ausgeprägt. Diese verhindern z.B., dass ein Hauptschüler mit gleichen kognitiven Grundfähigkeiten und identischem sozioökonomischen Status auch nur annähernd dieselben Leistungen erreichen kann wie ein Gymnasiast mit vergleichbaren Voraussetzungen. Die verkürzte Gymnasialzeit und die damit verbundene Einführung der zweiten Fremdsprache in der sechsten Klasse, erschwert zusätzlich den Wechsel von der Real- oder Hauptschule. Die Durchlässigkeit zu höheren Schulabschlüssen ist auch so schon nur sehr bedingt gegeben: 77% der Schulartwechsel sind Abstiege und nur 23% Aufstiege. So fallen viele SchülerInnen durch das Sieb des gegliederten Schulsystems nach unten bis auf die Haupt- und Sonderschulen, wo sie schnell mitbekommen, dass sie mit ihrem zukünftigen Schulabschluss kaum Chancen im Berufsleben haben. Sie gelten als gesellschaftlicher Ausschluss.

Die Änderungen, die in den letzten Jahren im Bildungssystem statt gefunden haben sind, wenn man Interessen der Wirtschaft berücksichtigt, keine isoliert zu betrachtenden „Schwachsinnsgesetze“, sondern Maßnahmen, die diese Selektion verstärken sollen.

Das beste Beispiel hierfür, ist die (wieder)Einführung der Kopfnoten in einigen Bundesländern. Die Vorgeschobene Begründung für eine Benotung des Arbeits- und Sozialverhaltens – nämlich dessen Verbesserung – verliert angesichts der völligen Abwesenheit ergänzender pädagogischer Maßnahmen und Erklärungen der Benotung jede Glaubwürdigkeit. Noten, das weiß eigentlich jeder, können nur dazu dienen, bestimmte Missstände aufzuzeigen, aber nicht sie zu verbessern. Wer würde schon behaupten, die Mathe-Kenntnisse eines Schülers würden sich durch schlechte Noten verbessern? Die Kopfnoten dienen einzig und allein dazu, dem Arbeitgeber die schlechten Eigenschaften eines Schülers zu melden. Und schon weiß man auch, wessen Interessen der Politik so wichtig sind, dass der vereinte Widerstand von SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen so ins Leere laufen konnte, wie es bei den Protesten gegen die Kopfnoten geschehen ist.

Fast zeitgleich wurde das G8 oder Turbo-Abi eingeführt. Den SchülerInnen wird jetzt der gleiche Stoff, nur in kürzerer Zeit und früher eingeflößt. Das führt dazu, dass Kinder schon früh einem enormen Leistungsdruck ausgesetzt sind. Dass dieser Leistungsdruck nicht von allen getragen werden kann und eine gewisse Anzahl SchülerInnen auf der Strecke bleibt, ist nicht Folge sondern Ziel dieser Reform. Wer den Stress nicht aushält, oder einfach nicht seine gesamte Freizeit der Schule opfern will, wird von Anfang an in die Kategorie der zukünftigen BilliglohnarbeiterInnen und Arbeitslosen abgeschoben.
Noch einen weiteren Zweck erfüllt das Turbo-Abi: Die zu kurze Zeit und die zu großen Klassen sorgen dafür, dass auch die talentierten und fleißigen Schüler nur dann gut in der Schule sein können, wenn ihre Eltern ihnen helfen, oder zumindest die Nachhilfe bezahlen können. In Familien, in denen beide Elternteile arbeiten müssen, Arbeitslosengeld beziehen, oder selbst keine „ausreichende“ Bildung erhalten haben funktioniert das natürlich nicht. Auf diese Weise reproduziert das deutsche Bildungssystem sich selbst und die gesellschaftlichen Verhältnisse in denen es existiert. Nur die Kinder der Bildungs- und Wirtschaftselite erreichen einen gute Schulabschluss und bekommen die Chance auf Führungspositionen. Wer arm ist, bleibt arm. Wer reich ist, bleibt reich.

Wie auch in der Schule wird in der Uni statt Chancengleichheit der Konkurrenzkampf gefördert, was sich insbesondere in der Einführung des Bachler-/Master Systems widerspiegelt. In den stark auf rein wirtschaftliche und berufsbezogene Kriterien reduzierten Studiengängen, entspricht das Leistungspunktesystem dem Zweck der Schulnoten. Das Turbo-Abi findet sich in der Verkürzung der Zeit für den Lernstoff eines 4-5 jährigen Magister- Diplomstudiengang auf einen 3-Jährigen Bachelor. Dabei ist jeder Arbeitsschritt genau vorgegeben. Im Vordergrund des Studiums steht nicht mehr die Bildung, sondern die Arbeitsmarktqualifikation und die Interessen des Marktes. Die Unis produzieren Humankapital, statt die Studierenden zu selbständigem wissenschaftlichen Denken, Urteilen und Arbeiten auszubilden. Das Studium ist zu einer Ware zur Veredelung der Arbeitskraft geworden.
Zusätzlich werden durch die Studiengebühren StudentInnen ohne reiche Eltern entweder gezwungen sich zu verschulden oder zu jobben. Da das neue Bachelor-/Master System durch straff organisierten Lernstoff und Anwesenheitspflicht geprägt ist, leidet das Studium folglich durch den Zeitaufwand für die erzwungene Finanzierung.

Abseits dieser neuen und offensichtlichen Fehlentwicklungen, liegt das Kernproblem jedoch in den Grundlagen des Systems, das vom SchülerInnen oder Studierende nur verlangt, sich in vorgefertigte Denkmuster einzufügen und zu einem bestimmten Zeitpunkt noch einen gewissen Anteil dessen zu wissen, was vorher eingeflößt wurde.

Das entscheidende Element zur Messung dieses Wissens, sind Noten. So entscheidend die Benotung für den Lebensweg eines Schülers auch sein mag, sie ist zutiefst subjektiv und nicht in der Lage die Fähigkeiten eines Schülers in all ihren Schattierungen darzustellen.
Wenn jeder Lehrer so gut unterrichten würde, dass am Ende jeder SchülerInnen eine gute Note hätte, wären Noten überflüssig, da sie nichts mehr aussagen. Daher wurde die “Normalverteilung” als Richtlinie eingeführt: es soll in jeder Klasse einige gute, viele mittlere und wenige schlechte Noten geben. Ansonsten wäre keine Selektion mehr möglich. Wir haben also ein Schulsystem, das nur deshalb funktioniert, weil ein gewisser Anteil der SchülerInnen dumm bleibt.

Auch die Rolle des Lehrers sollten wir überdenken. Allwissende und absolut objektiv urteilende Menschen gibt es nicht und wenn es sie gäbe, wären sie der Erziehung zu selbstständigen Individuen nicht zuträglich. Bildungseinrichtungen benötigen durchaus LehrerInnen, aber jene sollten sich darüber im Klaren sein, dass ihre Hauptaufgabe darin besteht, sich selbst überflüssig zu machen.

Wenn das Bildungssystem die Menschen zu aufgeklärten und mündigen Menschen erziehen soll, muss es grundlegend anders werden. Die Kontroll- und Disziplinierungsmechanismen der Wirtschaft müssen verschwinden und neuen Methoden Platz machen, die tatsächlich darauf abzielen Wissen und die Fähigkeit ein selbstbestimmtes Leben zu führen vermitteln.
Bildung als elementares Menschenrecht muss frei sein. Der Zugang zu ihr muss jedem frei sein und sie muss Platz für die eigene Weiterentwicklung bieten.

  • Kostenlose Bildung für alle!
  • Dreigliedriges Schulsystem abschaffen!
  • Noten abschaffen!
  • Demokratisierung der Schule!

1 Antwort auf „Bildung trotz Schule?! Für ein ganz anderes Bildungssystem!“


  1. 1 Bericht zur „Bildung statt Banken“-Demo am 21.03.2009 in Duisburg « Anarchistisch-Syndikalistische Jugend Duisburg Pingback am 23. März 2009 um 21:13 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.